Möglichkeiten Integrativer Tanztherapie in der Arbeit mit autistischen Kindern

 

Dokumentation eines Vortrags aus der Veranstaltungsreihe des Elternvereins
„Hilfe für das autistische Kind“,

Regionalverband Nordbaden-Pfalz e.V.

 

 

1)  Tanztherapie – Entstehung und Wurzeln

 

Zum Verständnis der Integrativen Tanztherapie und um einen möglichst weiten Blick auf die Möglichkeiten tanztherapeutischer Arbeit mit autistischen Kindern oder autistischen Menschen überhaupt zu bekommen, möchte ich als Einstieg kurz darlegen, wie sich die Tanztherapie entwickelt hat und auf welche Wurzeln sie zurückgreift.

 

Die Entstehung der Tanztherapie als eigenständige Therapieform, wie wir sie heute in unserer Kultur kennen, steht in untrennbarem Zusammenhang mit der Entwicklung des Ausdruckstanzes und des modernen Tanzes Anfang des 20. Jahrhunderts.

 

Mary Wigman, Isadora Duncan oder Rudolf von Laban stehen für eine Zeit der Abwendung von den formalisierten erstarrten Bewegungen des klassischen Balletts. Sie suchten freiere Formen tänzerischen Ausdrucks.

Die Möglichkeiten des Tanzes, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle auszudrücken, sich selbst durch Tanz darzustellen und zu verwirklichen, standen im Mittelpunkt dieser Entwicklung, die sich natürlich nicht auf den Tanz beschränkte, sondern sich auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen äußerte.

 

Die Suche nach dem Unbewussten und nach dem Selbstausdruck findet sich auch in der zunehmenden Bedeutung der Arbeit von Freud, Adler, Moreno oder Jung wieder.

 

Als Pionierinnen der Tanztherapie in den USA sind vor allem Franziska Boas, Marian Chace, Lilian Espenak, Mary Whitehouse und Trudi Schoop zu nennen, die den Tanz als therapeutisches Medium in den verschiedensten Institutionen erprobten. (vgl. Wilke, Tanztherapie, 1992, S. 17 oder Klein, Tanztherapie)

 

Trudi Schoop – deren Vorstellungen und Erkenntnisse die Entwicklung der Integrativen Tanztherapie stark beeinflusst hat - begann in den 40er-Jahren in den USA mit Menschen in psychiatrischen Kliniken zu tanzen und beschreibt in ihrem Buch „…komm und tanz mit mir!“ auch ihre Arbeit mit autistischen Menschen. Bedeutsam ist dabei insbesondere die Betonung des dialogischen Prozesses zwischen Therapeutin und Patient bzw. Patientin. Beide gemeinsam gestalten diese Beziehung, beide können jederzeit wählen, wann und wie sie aufeinander zugehen möchten.

 

Die Wiederentdeckung des Tanzes als therapeutisches Mittel greift dabei auf uraltes Wissen um die heilende Wirkung von Tanz zurück. Die eigentlichen Ursprünge beziehen sich letztlich auf ein Urbedürfnis des Menschen nach Tanz.

 

Schon in frühesten Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens gehörte der Tanz zu den zentralen Bestandteilen. Sowohl im alltäglichen Ablauf als auch bei besonderen sozialen Anlässen – sei es eine Hochzeit, die Geburt eines Kind, Krankheiten oder der Tod eines Menschen - wurde getanzt. (vgl. Klein, G. FrauenKörperTanz, S. 17 ff)

 

Dem Tanz kamen verschiedene bedeutende Funktionen zu:

 

°      als gemeinschaftliches Erlebens wird im Tanz ein Gefühl der sozialen Zusammengehörigkeit und der Solidarität erzeugt;

 

°      Tanz dient dem Freisetzen von Energien, der Vitalisierung und auch der Übertragung von Kraft

 

°      im Tanz werden Gefühle und Stimmungen ausgedrückt ;

 

°      der Tanz war meist ein religiöses Erlebnis, das mit den Göttern verband

 

°      die starke Wirkung, die die Menschen im Tanz verspürten, setzten sie ein, um Kranke zu heilen (vgl. P. Klein, S. 19 – 24)

 

„Der Tanz der Naturvölker erfüllt das Bedürfnis des Menschen nach Zuwendung, Unterstützung, Kommunikation und Katharsis“ (Klein, P., Tanztherapie, S. 19) (Anm.: Katharsis:= kultische Reinigung; Sich Befreien von seelischen Konflikten und inneren Spannungen durch eine emotionale Abreaktion, siehe Duden, Das  Fremdwörterbuch).

 

Die heilende Funktion des Tanzes ist dabei untrennbar mit der sozialen und kommunikativen verbunden. Gemeinsame Tanz-Rituale binden die Kranken in die Gemeinschaft ein und verhindern ihre Isolierung. „Der Zustand des Kranksein wird allen zugänglich und sichtbar; und über den Tanz bietet sich eine für alle greifbare und erfahrbare Möglichkeit zur Bewältigung und Heilung von Leiden.“ (Wilke, Tanztherapie, S. 14)

 

Wesentliche Elemente solcher Tanz-Heilungs-Rituale werden in der Integrativen Therapie und insbesondere auch der Integrativen Tanztherapie aufgegriffen. Besonders erwähnt sei an dieser Stelle der Aspekt der Solidaritätserfahrung, um den es in einem der „4 Wege der Heilung“ geht. Ich werde später noch einmal darauf zurück kommen.

 

Dieser Einblick in die Entstehung der Integrativen Tanztherapie wirft bereits einen Blick auf das zugrundeliegende Verständnis von ‚Tanz‘, das weit über das hinaus geht, was heute bei uns landläufig darunter verstanden wird. Hier geht es nicht nur um überlieferte Tanzformen, um Gesellschaftstanz, Folklore oder Ballett. Auch kleinste Bewegungen, Gesten, Körperhaltungen, unterschiedliche Arten Körperausdrucks sind tanztherapeutisch von Bedeutung.

 

Tanztherapie beschränkt sich daher nicht auf Menschen mit voll ausgebildeten Bewegungsmöglichkeiten, sondern ist sehr gut auch mit bewegungseingeschänkten Menschen möglich.

 

 

2)  Die Integrative Tanztherapie – auf Grundlage der Gestalt- und der Integrativen Therapie

 

Um die Integrative Tanztherapie auf ihre Möglichkeiten in der Arbeit mit autistischen Kindern hin zu beleuchten, ist es notwendig, sich nicht nur der Oberfläche möglicherweise therapeutischer Interventionen zuzuwenden, sondern zunächst auf die Grundlagen der Integrativen Therapie einzugehen. Ohne einen Blick auf die dahinter stehenden Theorien, auf das Menschenbild, auf grundlegende Motivationen werfe, könnte die isolierte Beschreibung des konkreten therapeutischen Vorgehens zu einer gewissen Beliebigkeit führen.

 

Die Integrative Tanztherapie, wie sie von der Deutschen Gesellschaft für Tanztherapie in Zusammenarbeit mit dem Fritz-Perls-Institut vertreten und gelehrt wird, hat sich zum einen aus den zunächst vorwiegend in den USA entwickelten „klassischen“ tanztherapeutischen Ansätzen (s.o.) herausgebildet und zum anderen in der Auseinandersetzung mit der Integrativen Therapie (vgl. Wilke, S. 36/37). Theoretische Konzepte und Vorgehensweisen der Integrativen Therapie liegen auch der Integrativen Tanztherapie zugrunde. Das Verfahren hat darüber hinaus seine Eigenheiten durch das spezifische Medium Tanz.

 

®    Theoretische Grundlagen

 

Die Integrative Therapie wurde Mitte der sechziger Jahre von Hilarion Petzold begründet. Es handelt sich um ein ganzheitliches therapeutisches Verfahren, das Elemente der Ungarischen Psychoanalyse, der Gestalttherapie, des Psychodramas, der Leibtherapie und der Arbeit mit kreativen Medien verbunden und weiterentwickelt hat.

 

Betont werden die Bedeutung von Kommunikation und Interaktion.

der Mensch wird nicht als isoliertes Individuum betrachtet, sondern als soziales Wesen, das lebenslang entwicklungsfähig und anpassungsfähig ist und zwar in der Auseinandersetzung mit seinem sozialen und ökologischen Umfeld.

 

Das zentrale Konzept der Ko-respondenz

betont die Bedeutung von Beziehungen für den Menschen. Der Mensch wird als ein Wesen gesehen, das immer, auch wenn es allein ist, in Beziehung zur Umwelt und zu den Mitmenschen steht und auf Beziehung angewiesen ist. Ohne diese Beziehungen könnten wir uns nicht entwickeln, könnten nicht überleben und wären nicht einmal zu verstehen.

 

Dieses Wissen ist sicher für die therapeutischen Arbeit mit autistischen Menschen von besonderer Bedeutung. Wenn ich davon ausgehe, dass Kommunikation und Interaktion derart entscheidend für die menschliche Entwicklung sind, muss dies in der Therapie mit Menschen, denen dies gerade sehr schwer fällt, eine zentrale Rolle spielen.

 

Während es in früheren psychoanalytischen Konzepten die Überzeugung gab, dass der Mensch quasi als „autistisches Wesen“ auf die Welt kommt – womit eine völlige Bezogenheit auf sich selbst und eine Nichtbezogenheit auf die Umwelt gemeint war (vgl. z.B. Freud 1991, Mahler u.a. 1990; in: Rahm, Otte 1993, S. 189; vgl. auch Stern, S. 70)) – betont die Integrative Therapie

 

®    die Bedeutung von Kommunikation und Interaktion von Geburt an.

 

Dies wird durch die neuere Babyforschung belegt, in denen Säuglinge sich als „Weltmeister der Kommunikation“ entpuppen. (vgl. hierzu etwa Martin Dornes oder Daniel N. Stern, …). Sie kommen schon mit der Fähigkeit auf die Welt, mit anderen eine soziale Beziehung einzugehen und sich emotional anstecken zu lassen. (vgl. Stern, S. 121) Untersuchungen ergaben z.B., dass

 

°      schon Neugeborene zwischen synthetisch erzeugten Geräuschen und der menschlichen Stimme unterscheiden (vgl. Dornes, S. 41),

 

°      schon 2 Tage alte Säuglinge die Mimik von Erwachsenen nachahmen, die lächeln, die Stirn runzeln oder Überraschung zeigen .(vgl. Stern, S. 78/79), (allerdings ist bislang noch ungeklärt, ob imitatorisch oder reflexhaft geschieht)

 

°      3 Wochen alte Babies Erwachsene imitieren, wenn sie die Zunge herausstrecken oder der Mund öffnen.

 

Wie Säuglinge uns mit Blicken oder Lächeln wie ein Magnet anziehen und zur Kommunikation auffordern können, wissen wir alle.

 

Ich habe die Literatur zur Säuglingsforschung zu einer Zeit gelesen, als mir überdeutlich auffiel, dass dieses direkt zur Kommunikation, zum Sich-Befassen mit dem Säugling auffordernde Verhalten bei meiner Tochter kaum spürbar war und habe aus dieser Zeit noch sehr schmerzlich in Erinnerung, was dies für mich bedeutete, welche Auswirkungen es auf mich hatte. Das Fehlen dieses sogenannten Triggerns hatte zur Folge, dass ich mich abstrampelte, um irgendeine Reaktion von ihr zu bekommen und dass die dennoch sehr geringen Auswirkungen meiner Bemühungen mich enttäuscht und frustriert zurückließen und mich Gedanken über einen falschen Umgang mit meinen Kind überließen. Hatte ich mich zuviel, hatte ich mich zuwenig mit ihr befasst?

 

Ich beschreibe dies, um zu verdeutlichen, wie groß dieses Bedürfnis nach Kommunikation eben auch in unserer Beziehung zu Babies ist, dass wir in unserem Verhalten und unseren Erwartungen offensichtlich in keiner Weise davon ausgehen, dass Säuglinge zunächst ganz auf sich bezogen sind, sondern ganz selbstverständlich von diesem lebendigen Austausch von Mimik und Gesten mit ihnen ausgehen.

 

Außerdem möchte ich dieses Beispiel nutzen, um die enorme emotionale Belastung von Eltern zu benennen, denen diese Kommunikation in Teilen vorenthalten bleibt.

 

®    Der Begriff des Leibes

 

Ein wesentlicher Ausgangspunkt der Integrative Therapie ist, dass eine therapeutische Behandlung des Menschen sich nicht isoliert auf seine Psyche beschränken kann. Vielmehr wir der „ganze Mensch“ mit seinem Körper, seinen Emotionen, seinem Denken behandelt.  Um dies zu betonen und der Vorstellung einer Trennung, eines Nebeneinanders von Körper, Seele und Geist entgegen zu treten, wird in der Integrativen Therapie auf den Begriff des Leibes zurückgegriffen. Dieser Begriff geht weit über den des Körpers hinaus. Es geht nicht nur um Knochen, Haut, Organe, usw., sondern um den Körper mitsamt seinen Fähigkeiten, wahrzunehmen, sich auszudrücken, zu handeln, sich zu erinnern.

 

Dieser zunächst vielleicht altertümlich anmutende Begriff wird nach kurzem Durchstöbern unseres gängigen Wortschatzes schnell vertraut: Worte wie „Leibspeise“ oder „sich etwas einverleiben“ veranschaulichen die beschriebene Bedeutung - bei einer „Leibspeise“ geht es ganz offensichtlich nicht nur um eine Nahrungszufuhr für den Körper.

 

Der Leib ist die Grundlage aller unserer Beziehungen, unserer Kontakte zur Umwelt, zu anderen Menschen. Mit meinem Leib nehme ich Kontakt auf oder grenze mich ab. Ich nehme wahr, was um mich herum passiert, ich drücke aus, was ich empfinde.

 

Was Menschen in ihren Beziehungen zur Umwelt nicht ausdrücken können - sei es Trauer, Wut, Freude, der Wunsch nach Zuneigung oder Abgrenzung – oder in ihrem Handeln verändern (z.B. durch Wut) – bringen sie unter Umständen im oder am eigenen Leibe zum Ausdruck. (vgl. Rahm / Otte /,,,; S. 103/104)

 

Die selbststimulierenden Verhaltensweisen autistischer Menschen bis hin zur Selbstverletzung auch in diesem Zusammenhang zu betrachten, macht meiner Ansicht durchaus Sinn.

 

In der Integrativen Therapie werden 4 Grundstrategien therapeutischen Handelns unterschieden, die je nach Bedürfnissen, Möglichkeiten und Zielsetzungen eingesetzt werden:

 

®    Die 4 Wege der Heilung

 

1)    Bewusstseinsarbeit/Sinnfindung

2)    Nachsozialisation/Bildung von Grundvertrauen

3)    Erlebnisaktivierung/Persönlichkeitsentfaltung

4)    Solidaritätserfahrung

 

Für die Therapie mit autistischen Kindern scheinen mir der zweite, dritte und vierte Weg besonders bedeutsam zu sein. Die heilende Wirkung von Solidaritätserfahrungen, von sozialem Eingebundensein habe ich schon im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Funktionen von Tanz schon in frühen Kulturen erwähnt. Zur Erlebnisaktivierung und Persönlichkeitsentfaltung stehen in der Integrative Tanztherapie eine Vielfalt geeigneter Möglichkeiten zur Verfügung. Die Nachsozialisation und die Bildung von Grundvertrauen spielt eine Rolle im Sinne eines Nachholens von Entwicklungsschritten, Hilfen zur Aufnahme von Kommunikation und damit dem vorsichtigen Entwickeln einer vertrauensvollen Beziehung.

 

 

3)  Die Integrative Tanztherapie in der Arbeit mit autistischen Kindern

 

Aufgrund der Komplexität des Ansatzes sind die Integrative Therapie und insbesondere die Integrative Tanztherapie in sehr unterschiedlichen Bereichen einsetzbar, für verschiedene Altersgruppen, Krankheits- oder Störungsbilder, in unterschiedlichen Zusammenhängen nutzbar. Die konkreten Möglichkeiten des Verfahrens und der verschiedenen Methoden müssen auf den jeweiligen Anwendungsbereich hin überprüft und die spezifischen Ziele, Vorgehensweisen und Interventionen entsprechend ausgewählt und abgestimmt werden können.

 

Die Integrative Tanztherapie bietet aufgrund der Eigenheiten des Verfahrens gute Voraussetzungen für die Arbeit mit autistischen Kindern. Tanz und Tanztherapie setzen direkt am Körper mitsamt seinen Fähigkeiten der Wahrnehmung, der Bewegung, der Erinnerung, des Ausdrucks und der Interaktion an. Tanztherapie zielt besonders darauf ab, die Wahrnehmungsfähigkeit zu erweitern, das individuelle Ausdrucksvermögen zu entfalten und kreative Potentiale zu erwecken, so dass die Möglichkeiten, sich in Beziehung zu anderen Menschen und zur Umwelt zu entwickeln, positiv beeinflusst werden.

 

 Für den Autismus typische Störungsbilder, wie

°           die Beziehungs- und Kommunikationsstörung,

°           die verzögerte oder gestörte Sprachentwicklung,

°           die Störung im Bereich der Wahrnehmungsentwicklung oder

°           die mangelnde Ausdrucksfähigkeit

(vgl. hierzu Kane/Kane, Se. 21 oder Janzowski, S. 37)

können in der tanztherapeutischen Arbeit zum Schwerpunkt gemacht werden.

 

Dabei werden verschiedene Modalitäten oder Vorgehensweisen eingesetzt. Die Tanztherapie unterscheidet zwischen,

°           der übungszentriert-funktionalen,

°           der erlebniszentrierten

°           und der konfliktzentriert-aufdeckenden Modalität.

In der Arbeit mit autistischen Kindern bieten sich zunächst die ersten beiden Modalitäten an. Die konfliktzentriert-aufdeckende Vorgehensweise kann dann eingesetzt werden, wenn psychische Probleme – möglicherweise als Folge der autistischen Einschränkungen – in den Vordergrund treten.

 

In den genannten Bereichen, sei es nun die Wahrnehmung als Ausgangspunkt, die Kommunikation oder ein anderes Thema, ist ein Vorgehen in den verschiedenen Modalitäten möglich und sinnvoll. Die Vorgehensweisen stehen dabei natürlich nicht völlig getrennt nebeneinander.

 

Insbesondere wird es nie ein rein funktionales Vorgehen geben, bei dem der Aspekt des Erlebens außen vor ist. Es geht immer um den ganzen Menschen. Die je neuen Erfahrungen dürfen nicht unverbunden neben andere gestellt werden, sondern müssen mit den bisherigen verknüpft und integriert werden. Dazu ist eine emotionale Beteiligung ebenso notwendig wie ein Bewusstmachen dieser neuen Erfahrungen.

 

Mögliche Schwerpunkte tanztherapeutischer Arbeit möchte ich kurz ausführen:

 

®    Sprache:

 

Die sprachliche Kommunikation ist keine notwendige Voraussetzung für die tanztherapeutische Arbeit. Verständigung kann es auch ohne die gesprochene Sprache geben. Atmosphären und Stimmungen können durch Bewegung und Tanz wiedergegeben, geteilt und mitgeteilt werden. Die Integrative Tanztherapie bietet daher Chancen, auch da einen Zugang zu Menschen zu bekommen, wo dies über Sprache nicht möglich ist.

 

Dennoch geht es nicht um einen Verzicht auf Sprache. Tanztherapie kombiniert verbale und nonverbale Vorgehensweisen und kann so auch zur Entwicklung sprachlicher Fähigkeiten beitragen.

 

Sprache baut „auf der Entwicklung anderer Fähigkeiten im Umgang mit der Umwelt auf, wie z.B. Möglichkeiten vorsprachlicher Kommunikation, der Wahrnehmung und der Imitation“ (Kane/Kane, S. 24). Dies kann Tanztherapie aufgreifen und Situationen schaffen, in denen dies mittels Körper, Bewegung, Tanz, Stimme und Klängen angeregt wird.

 

®    Kommunikation:

 

Tanz ist ein soziales und kommunikatives Phänomen (vgl. Wilke, .., S. 39), Kommunikation und Interaktion sind integrale Bestandteile.

 

Ein Miteinander in Bewegung und Tanz, das Erleben eines gemeinsamen Rhythmus‘ oder eines durch Improvisation entstandenen Bildes oder einer Atmosphäre ermöglicht vorsichtig dosierte Erfahrungen von Gemeinsamkeit, von Eingebundensein, ohne dass es eine Konfrontation, eine Begegnung „von Angesicht zu Angesicht“ geben muss. Auch der Einsatz verschiedener Materialien, wie z.B. Seile, Bänder oder Luftballons zur indirekten Kontaktaufnahme, Tücher oder Masken zum Sich Verhüllen oder Verstecken können indirekte Kontakte erleichtern.

 

Je nachdem, wieviel die Beziehung zulässt, kann durch bestimmte Aufgabenstellungen aber auch ein direktes Sich-Begegnen herausgefordert werden. Dies natürlich immer unter der Voraussetzung, dass beide, TherapeutIn und KlientIn jederzeit das Recht haben, sich für oder gegen ein solches Beziehungsangebot zu entscheiden.

 

Da Tanz auch ein räumliches Phänomen ist (vgl. Wilke, s.o., S. 39); geht es in der Tanztherapie auch um den Umgang mit dem Raum, um das Gestalten des Raumes. Nähe und Distanz als gestaltende Elemente von Kontakt, Begegnung oder Beziehung können ausprobiert und erlebt werden. Um mich auf das Wagnis Kommunikation einlassen zu können, ist es hilfreich und notwendig, sich zunächst des eigenen Raumes sicher zu sein und zu wissen, dass ich mich jederzeit wieder zurückziehen und mich in meinen Raum retten zu können.

 

Als sehr grundlegende Intervention, um in Kontakt zu kommen, um die Welt eines Kindes zu teilen, möchte ich das „Spiegeln“ erwähnen, das Aufgreifen und Mitmachen von Bewegungen, Haltungen oder Äußerungen des Kindes, was es ihm ermöglicht, die Gemeinsamkeit und die Aufmerksamkeit der Therapeutin oder des Therapeuten wahrzunehmen.

 

®    Wahrnehmung

 

Die Integrative Tanztherapie kann Wahrnehmung und deren Integration auf vielfältige Weise anregen. Übungszentriert-funktional oder auch erlebnisaktivierend kann die Wahrnehmung der verschiedenen Sinne stimuliert und geschärft werden.

 

Schwerpunkt kann dabei

 

°    die Wahrnehmung des eigenen Körpers, körperlicher Empfindungen und Reaktionen und von Gefühlen sein, (Bspl.: den eigenen Körper durch Berühren oder Abklopfen oder im Kontakt mit dem Boden wahrnehmen)

 

°    die Wahrnehmung des Umfeldes in Form von Erfahrungen mit Materialien oder mit Raum (Bspl.: Erfahrungen mit harten und weichen Materialien, mit Seilen, Tüchern oder Bällen)

 

°    schließlich auch die Wahrnehmung anderer Menschen, sei es nun Therapeutin bzw. Therapeut oder andere Menschen aus dem Umfeld.

 

Dabei geht es nicht nur um die Wahrnehmung selbst, sondern auch um deren Bewusstmachen, so dass sie integriert werden, mit bisherigen Erfahrungen verknüpft auch dann auch in anderen Situationen zur Verfügung stehen können.

 

Um die Motivation zu fördern und eine emotionale Beteiligung zu erreichen, ist ein spielerisches Vorgehen meist sinnvoll und förderlich.

 

Im therapeutischen Setting können Situationen geschaffen werden, die einen Schutz vor zuviel Reizen bieten und damit zugleich die Möglichkeit, die Aufmerksamkeit gezielt auf ausgewählte Wahrnehmungsbereiche zu lenken. Beispielsweise kann mit geschlossenen Augen die Wahrnehmung des Hören hervorgehoben werden oder durch einschränkende Bewegungsaufgaben die Wahrnehmung auf die Nutzung des Raumes oder auf Bewegungen einzelner Körperteile gelenkt werden.

 

®    Ausdrucksfähigkeit

 

Der Erlebnis- und der Ausdrucksfähigkeit durch Körper, Bewegung und Tanz kommt in der Integrativen Tanztherapie eine besondere Bedeutung zu.

 

Durch Improvisation, Rollenspiele, dem Tanzen von Geschichten und kleine Gestaltungsaufgaben können zum einen Möglichkeiten des unmittelbaren Selbstausdrucks erweitert werden. Zum anderen kann das Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten so erweitert werden, dass Gefühle, Empfindungen und Vorstellungen in Bewegung und Tanz ausgedrückt und gestaltet, also auch in eine Form gebracht werden können.( vgl. hierzu: Wilke, 1992, S.38)

Das Wahrgenommene kann in Bewegung, Tanz mit Stimme, Klängen und Geräuschen einen angemessenen Ausdruck finden. Durch das Anregen kreativer Fähigkeiten und die Erweiterung und Differenzierung des Körper- und Bewegungsausdrucks wird die nonverbale Kommunikation gefördert und damit Grundlagen von Kommunikation überhaupt geschaffen.

 

Übergreifend scheint es mir für therapeutische Zielsetzungen wesentlich zu sein, dazu beizutragen, die Entwicklungsmöglichkeiten autistischer Kinder auszuschöpfen, sichernde und unterstützende Hilfen anzubieten und die Kommunikations- und Ausdrucksfähigkeit zu verbessern und es so den Kindern und späteren Jugendlichen bzw. Erwachsenen zu erleichtern, das Leben so weit als möglich selbst gestalten zu können und ein zufriedenstellendes Leben in der Gemeinschaft zu führen.

 

Der Unterstützung protektiver, die Gesundheit und Entwicklung fördernder Faktoren wird generell in der Integrativen Therapie eine wesentliche Bedeutung zugeschrieben. Gerade in der Arbeit mit autistischen Kindern muss es meiner Ansicht nach ganz besonders um eine Suche nach den Stärken und dem Stärkenden gehen und nicht nur um ein Aufsuchen der Defizite und Störungen! In diesem Sinne kann und sollte Tanztherapie autistischen Kindern einen schützenden, das Bedürfnis nach Strukturen akzeptierenden Rahmen bieten, in dem ihre Möglichkeiten, Fähigkeiten und Vorlieben Raum haben und vorsichtig Neues gewagt werden kann.


 

 

 

 

Literatur:

 

Schoop, Trudi, …komm und tanz mit mir! Ein Versuch, dem psychotischen Menschen durch die Elemente des Tanzes zu helfen, Zürich 1981

 

Wilke, Elke / Hölter, Gerd / Petzold, Hilarion, Tanztherapie, Theorie und Praxis, Ein Handbuch, Paderborn 1992

 

Klein, Petra, Tanztherapie; eine einführende Betrachtung im Vergleich mit Konzentrativer und Integrativer Tanztherapie

 

Klein, Gabriele FrauenKörperTanz: Eine Zivilisationsgeschichte des Tanzes, Berlin 1992

 

Petzold, Hilarion Integrative Therapie, in: Petzold / Sieper, Integration und Kreation, Band 1, Paderborn 1993

 

Petzold, Hilarion / Berger, Angelika, Integrative Bewegungstherapie und Bewegungspädagogik als Behandlungsverfahren für psychiatrische Patienten, in: Petzold (Hrsg.), Die neuen Körpertherapien, Paderborn 1977

 

Ort, Ilse / Petzold, Hilarion, Beziehungsmodalitäten – ein integrativer Ansatz für Therapie, Beratung, Pädagogik, in: Petzold / Sieper, Integration und Kreation, Band 1, Paderborn 1993

 

Rahm, Dorothea / Otte, Hilka / Bosse, Susanne / Ruhe-Hollenbach, Hannelore, Einführung in die Integrative Therapie – Grundlagen und Praxis, Paderborn 1993

 

Schumacher, Karin, Musiktherapie mit autistischen Kindern, Stuttgart, Jena, New York 1994

 

Ilse und Fritz Zobel (Red.), Autismus – Erscheinungsbild, Mögliche Ursachen, Therapieangebote,

 

Regionalverband Kane, Gudrun / Kane, John F., Das autistische Kind, Erscheinungsbild, mögliche

 

Regionalverband Nordbaden-Pfalz e.V. „Hilfe für das autistische Kind“, , Walldorf 1997

 

Kane, Gudrun / Kane, John F., Das autistische Kind, Erscheinungsbild, mögliche Ursachen der Entstehung des Autismus, in: I. u. F. .Zobel (Red.), Autismus… (s.o.)

 

Janzowski, Frank, Unterschiedliche wissenschaftliche Vorstellungen über den frühkindlichen Autismus, in: I u.F. Zobel (Red.), Autismus… (s.o.)

 

Dornes, Martin, Der kompetente Säugling, Die präverbale Entwicklung des Menschen, Frankfurt/Main 1993

 

Stern, Daniel N., Die Lebenserfahrung des Säuglings, Stuttgart 1992